50 Jahre Reiseprogramm

Unter dem Titel "Völlig neues Gefühl: Mit dem Bus über Land" veröffentlichten die Aalener Nachrichten in einer Sonderbeilage zum 50. Geburtstags des Landes Baden-Württemberg einen Artikel über das Reisen mit dem Bus vor 50 Jahren.
Wir danken den Aalener Nachrichten und insbesondere dem Autor Ansgar König für die Erlaubnis, den Artikel hier veröffentlichen zu dürfen.

Vor genau 50 Jahren veröffentlichte das Aalener Busunternehmen OVA sein erstes Fernreiseprogramm

Die 50er-Jahre: ein neues Bundesland, ein neues Selbstbewusstsein - und ein völlig neues Gefühl der Mobilität. OVA-Geschäftsführer Friedel Rau erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. 16 Jahre alt war er, als das Busunternehmen 1952 sein erstes Fahrtenprogramm veröffentlichte.

Wenn er heute darin blättert, dann kommt ihm immer wieder ein lächelndes "hochinteressant" über die Lippen. Die erste Fahrt an den Bodensee, das erste Mal über die Grenze. Für den Rückblick der Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung ist er extra - und gerne - in den Keller gegangen und hat Zeitgeist-Schätze gehoben.

"Die erste Fahrt an den Bodensee, das muss 48 oder 49 gewesen sein, das war eine richtige Expedition", erinnert er sich lachend, "kaum fünf Stunden gefahren, und schon war man dort." Und auch an die erste Grenzüberfahrt, nach Zürich ging’s, zum Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Schweiz - mit Visum wohlgemerkt. "Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, dass die Straße nach der Schranke einfach so weitergeht."

"Wirtschaftswundermäßig, explosionsartig", sei das Reisegeschäft in Ostwürttemberg losgegangen. Der Fuhrpark verdreifachte sich innerhalb weniger Jahre. Über die Eröffnung der OVA-Reisesaison mit buntem Abend, städtischem Orchester und Dia-Show berichtete sogar die Zeitung. "Das Reiseprogramm war damals eine Sensation", blickt Rau zurück.

Buchen konnte man die OVA-Rundreisen im kurz zuvor eröffneten OVA-Reisebüro in der Bahnhofstraße. Im Angebot: Oberstdorf, Heidelberg, Rothenburg oder Titisee, eine Fahrt an den Rhein, zum Oktoberfest oder zum Rennen auf der Solitude. Die Dreitagesfahrt nach Einsiedeln am Vierwaldstätter See sei damals ein Renner gewesen.

Puren Luxus boten die Busse: Oberlichtverglasung etwa, die Koffer kamen aufs Dach. Die Türen musste der Fahrgast noch selbst öffnen, mit einem Strick zog sie der Fahrer wieder zu. Bewusster habe man das Reisen mit dem Bus erlebt, gesteht Friedel Rau, eine wunderschöne Fahrt nach Baden-Baden zum Beispiel, Abfahrt morgens früh um 5, Ankunft zu Hause mitten in der Nacht. Preis: 15 Mark. "Heute steht nicht mehr die Fahrt, sondern das Ziel im Mittelpunkt", früher habe man nach einer Schwarzwaldfahrt ein Jahr lang zu erzählen gehabt. "Die Menschen hatten einen Krieg hinter sich, die wollten raus aus Aalen, Landschaft sehen - in echt."

Sogar ein eigenes OVA-Lied wurde komponiert: "Wie ist das Reisen ein Genuss in einem OVA-Reisebus." Und es wurde viel gesungen. "Nicht nur einmal passierte es, dass die Passagiere in Aalen erst aussteigen wollten, nachdem sie fertig gesungen hatten", sagt Rau.

Zu den Rundreisen der Aufbruchszeit kamen bald - ab 1956 - Urlaubsreisen hinzu, 1960 erschien ein erster Urlaubs-Sonderprospekt, ein richtiger Pendelverkehr zu den Urlaubszielen entstand. "Zum Beispiel Saalfelden, Tausende haben wir da runter gefahren. Heute", erklärt Rau, "haben wir zwar immer noch unser festes Klientel, aber die Aufbruchsstimmung ist natürlich weg."

Blättert man selbst in den alten Programmen, so fällt vor allem auch die Werbung auf. Emil Sperle, dessen Wochenschauen momentan bei einer Sonderausstellung im Museum am Markt gezeigt werden, wirbt mit "bleibenden Erinnerungen mit Camera und Schmalfilmgeräten".

Emil Sperle fuhr oft bei der OVA mit. Stuzmann preist Reisebekleidung für Herren und Knaben an. Außerdem warben Gasthöfe, die regelmäßig von der OVA angefahren wurden. Aber auch praktische Lebenshilfe gab’s: "Übelkeit beim Autobusfahren brauchen Sie nicht mehr zu fürchten. Es gibt ja Peremesin", wirbt ein pharmazeutischer Betrieb.

15 Busse hatte die OVA in den 50er-Jahren. Eine Trennung zwischen Reise- und Linienbus gab’s noch nicht. Tagsüber Linie, am Wochenende Reisen. "Bus war Bus", fasst Friedel Raus Sohn Ulrich zusammen. Ging’s über Land, so wurde einfach ein Personenanhänger mit 50 Sitzplätzen angehängt. Drei Hänger hatte die OVA, in den 60ern wurden die Gefährte verboten.

Heute fahren für die OVA 50 Busse. Man legt Wert darauf, immer das Modernste zu haben. 1956 kamen vier Setra-Busse zum Fuhrpark, die ersten mit selbsttragender Karosserie, und 2002 kommen wieder vier neue Setra-Busse. Und auch in diesen Bussen werden die Fahrgäste sicher ein ganz neues (Sitz-)Gefühl genießen können.

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